Im Kampf gegen die Korruption

Claude Chabrols "Geheime Staatsaffären"

Isabelle Huppert als Jeanne - Presse Foto
Isabelle Huppert als Jeanne - Presse Foto
Claude Chabrols Filmklassiker „Geheime Staatsaffären" (mit Isabelle Huppert) ist einer der intelligentesten Filme über die Verführungen der Macht.

Jeanne Charmant Killmann. Sprechender kann ein Name kaum sein. „Piranha" nennen ihre Feinde die zart-harte Ermittlungsrichterin, und Feinde – davon hat Jeanne bald mehr, als sie zunächst ahnt. Denn Humeau, gerade noch Chef eines international operierenden Industriekonzerns, verraten vom Nachfolger, fallen gelassen von den politischen Freunden, nun von Jeanne hinter Gitter gebracht, ist nur eine verhältnismäßig kleine Nummer in diesen „Geheimen Staatsaffären", in die Jeanne immer tiefer eindringt.

Ein wildgewordener Racheengel

Angelehnt an den Korruptionsskandal um den Öl-Konzern Elf Aquitaine, in den Mitte der 90er zahlreiche hochrangige französische Politiker verstrickt waren, erzählt Claude Chabrol die Geschichte einer Frau, die sich „zum Wohle Frankreichs" auf einen Feldzug gegen Korruption, Veruntreuung und Machtmissbrauch begibt – und dabei selbst nicht unschuldig bleiben kann. Eine Frau, die ohne Rücksicht auf sich selbst beginnt, die für beide Seiten so profitablen Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft aufzudecken. Ein Exempel möchte sie, die aus einfachen Verhältnissen kommt, statuieren: Ein für alle Mal aufräumen in diesem Schlangennest, in dem sie – alle Register psychologischer Kampfführung ziehend - stochert und herumpiekt, ohne zu ahnen, wie tief es geht.

Autokaritative Zwecke

Politiker und Wirtschaftsbosse sind entsetzt: Was hat dieser wildgewordene Racheengel in ihrer so trefflich eingerichteten Männerwelt zu suchen? In der ganz andere Gesetze gelten, in der Schmiergeld – wer würde sich auch nur die Mühle machen, das zu leugnen! – eben das ist, wonach es klingt: Das notwendige Öl im Getriebe einer komplexen, internationalen Maschinerie. In der riesige Summen öffentlicher Gelder an ausländische Staatschefs fließen – zu „autokaritativen Zwecken", wie einer der verhörten Politiker es so französisch-elegant formuliert. Eine Welt, deren Gesetze mit Killmanns Moralvorstellungen kollidieren - und sie doch, ganz subtil, korrumpieren, berauschen, wie es der Originaltitel „L’Ivresse du pouvoir" (die Macht-Trunkenheit) treffend ausdrückt. Die roten Handschuhe, die Isabelle Huppert so ausgezeichnet stehen, wie die Rolle, die Chabrol seiner Lieblingsdarstellerin auf den Leib geschrieben hat, signalisieren es überdeutlich: In ihrem Kampf um Gerechtigkeit opfert Jeanne Killmann die Menschen, die ihr nahe stehen – und einen Teil ihrer eigenen Menschlichkeit. Offenkundig wie nie zuvor prangert Chabrol, dessen Sujet - wie auch in seinem aktuellen Film - stets die Abgründe der bürgerlichen Gesellschaft sind, die Korrumpierbarkeit des französischen Politsystems an. Zugleich zeichnet er das subtile Porträt einer im Privaten Gescheiterten.

Schläge aus den eigenen Reihen

Jeanne kämpft einen aussichtslosen Kampf gegen übermächtige Gegner. Die Bremsen an ihrem Auto werden sabotiert, ihr Büro durchsucht, sie erhält Morddrohungen und kann nur noch in Begleitung von Bodyguards aus dem Haus gehen. Zunehmend entfremdet sich die Gerechtigkeits-Besessene von ihrem Ehemann, der an ihrer Gleichgültigkeit ihm gegenüber verzweifelt. Doch Jeanne bleibt hartnäckig und scheinbar unbekümmert. Also wird sie auf einen höheren Posten weggelobt, bekommt eine Kollegin zur Seite gestellt, in der Hoffnung, die Frauen würden sich gegenseitig in den Rücken fallen. Jeanne verbündet sich mit der Konkurrentin – und triumphiert wieder.

Die Schläge, die sie schließlich einknicken lassen, kommen unerwartet und aus den eigenen Reihen. Der Gerichtspräsident, selbst unter politischen Druck geraten, entzieht ihr den Fall unter dem Vorwand, ihr sei der „objektive Blick" abhanden gekommen. Wütend empfiehlt sie ihm, seinen Mann zu stehen – um kurz darauf zu erfahren, dass ihr eigener Mann sich aus dem Fenster gestürzt hat.

In was für einer Welt leben wir?

Eine letzte Szene, im Dunkel der am Bett des Verletzten durchwachten Nacht, zeigt, wie Jeannes Moralverständnis sich durch ihr Scheitern verwandelt und letztendlich differenziert hat: Ihr Neffe bringt sie zu dem neuen Auto, dass er letzte Nacht beim Poker gewonnen hat. „In was für einer Welt leben wir eigentlich?" murmelt Jeanne. „Machst Du weiter?" will ihr Neffe wissen. Die Antwort auf die zweite Frage bleibt der Film schuldig.

Claude Chabrols Politthriller ist einer der intelligentesten und subtilsten Filme, die zum Thema Macht und Machtmissbrauch gedreht worden sind - ein moderner Klassiker, der Bestand haben wird. Als brilliante Analyse gesellschaftlicher Machtverhältnisse geht seine Bedeutung weit über den besprochenen Fall und über Frankreich hinaus. Das Thema dieser kühlen Studie ist letztendlich universell.

Julia Büttner - Hallo! Schön, dass Sie sich für meine Arbeit interessieren. Bei Suite101 schreibe ich über Bildung, Karriere und ...

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